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Von Postwachstum zu Buen Vivir und Befreiungstheologie

 

Am Montag, den 26. Juni, und Dienstag, den 27. Juni 2017, führten wir gemeinsam mit dem Amerika-Institut der LMU München im Zusammenhang mit der Internationalen Buen Vivir Konferenz der Stadt München eine Workshop-Reihe zu den Themen „Postwachstum“, „Buen Vivir“ und „Befreiungstheologie“ sowie einen Abendvortrag von Alberto Acosta zu „Die Zukunft des Buen Vivir in Lateinamerika“ durch.

In allen Veranstaltungen war die wachsende Ungleichheit und Gerechtigkeitsdefizite in dem kapitalistisch geprägten globalen Norden der Ausgangspunkt. Die den Workshops gemeinsame Frage war, inwiefern die aus Lateinamerika stammenden Impulse des Buen Vivir-Konzeptes, der Postwachstumsbewegung sowie der Befreiungstheologie brauchbare Kritiken und Alternativen zu der bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung anbieten.

Workshop I: Postwachstum

Im Workshop zu Postwachstum erläuterte Ulrich Brand, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien, dass das für die neoliberale Politik grundlegende Wirtschaftswachstum einerseits von massiver Ausbeutung von natürlichen sowie menschlichen Ressourcen (besonders in Ländern des globalen Südens) finanziert wird, und andererseits das Wachstumspotential insbesondere in entwickelten Ländern äußerst gering ist. Es sei daher nicht überraschend, dass sowohl konservative als auch liberale und linke Denker Theorien des Postwachstums aufgreifen –  wenn auch unterschiedliche Theorien. Das von Brand skizzierte Konzept von Postwachstum fokussiert dabei auf die emanzipatorische Kapazität, die unter anderem Konsum als nicht maßgeblich für Wohlstand definiert.

Workshop II: Kapitalismuskritik und Befreiungstheologie

Die Befreiungstheologie, die ähnlich wie das Konzept des Buen Vivir aus dem Eindruck der Kolonialisierung und Ausbeutung Lateinamerikas entstand, war Thema des Workshops unter Leitung von Prof. Michael Hochgeschwender und Prof. Gerson Brea. Die Theologie der Befreiung verstand sich in erster Linie als Sozialkritik, die Armut in den Fokus theologischer Reflektion stellte. Daraus entwickelte sich gerade auch durch die Nähe zur marxistischen Theorie ein theologisch-politisches Programm, das die Ausbeutung der ärmeren Schichten anprangerte.

Workshop III: Buen Vivir - die Schaffung einer Utopie

Alberto Acosta, der ehemalige Präsident der verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador und ehemaliger Energie- und Bergbauminister der Regierung von Rafael Correa in Ecuador, leitete den Workshop zum Konzept des Buen Vivir. Das Buen Vivir, das das Gute Leben in Harmonie von Mensch und Natur als Träger von Rechten propagiert, gilt gerade auch in politisch linken Kreisen als eine Alternative zu kapitalistischen Ordnungen. Während Alberto Acosta die Ideale des Buen Vivir als erstrebenswert bezeichnet, verweist er gleichzeitig auf die Schwierigkeit, ein aus dem Einfluss der Kolonialvergangenheit Lateinamerikas kommendes Konzept auf die hochindustrialisierten Länder des globalen Nordens zu übertragen. Gleichzeitig warnt Acosta vor einer Romantisierung des Buen Vivir-Gedankens.

Keynote Lecture: Die Zukunft des Buen Vivir in Lateinamerika

In seinem Vortrag verglich Alberto Acosta die volkswirtschaftliche Entwicklung scheinbar progressiver Regierungen (wie z.B. die Regierung von Evo Morales in Bolivien oder die von Rafael Correa in Ecuador) mit neoliberal geprägten. Bei beiden Regierungspraktiken ist (bis 2014) eine Reduzierung der Armut und eine bessere Versorgung der Bürger zu beobachten – allerdings auf Kosten einer enormen Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Insbesondere die Praxis Rohstoffe unverarbeitet ins Ausland zu verkaufen, um kurzfristig an Geld zu kommen, kritisiert Acosta als wenig nachhaltig. Er plädiert daher für volkswirtschaftliche Neuansätze, die - gespeist von dem Gedanken des Buen Vivir - Zeichen einer zukunftsfähigeren, sozialeren Politik sind.

(Foto: Professor Ulrich Brand während des Postwachstum-Workshops / ©Amerikahaus)